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Der Transport des Covid-19-Impfstoffs hat Priorität. Interview mit Marco Gredig und Andreas Stöckli

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Zurich, 02 December 2020

Der Transport des Covid-19-Impfstoffs hat Priorität. Interview mit Marco Gredig und Andreas Stöckli

von Kurt Tschan / Chef Wirtschaft der BaZ
Tagesanzeiger

Der Chef von Cargologic, Marco Gredig, geht davon aus, dass es wegen der Auslieferung des Impfstoffs weltweit zu Lieferunterbrüchen bei Medikamenten kommen wird.

«Wir haben unsere Kapazitäten für Trockeneis um 2’500 Prozent erhöht», sagt Marco Gredig. Der Chef von Cargologic, dem grössten Anbieter für Luftfrachtabfertigung in der Schweiz, rüstet für den Transport des sehnlichst erwarteten Corona-Impfstoffs mächtig auf. Bis zu acht Tonnen Trockeneis pro Woche stehen zur Verfügung, um den Impfstoff bei Temperaturen von minus 70 Grad transportieren zu können. Cargologic, eine Tochter von Rhenus-Alpina mit Sitz in Basel, nimmt in Zürich-Kloten bei der Impfstoff-Logistik eine führende Rolle ein.

Am Flughafen Zürich-Kloten stehen bereits bis zu 150 Kühlcontainer bereit. Die meisten von ihnen werden nicht mit Strom gekühlt, sondern benötigen Trockeneis. Dieses hat aber seine Tücken. «Löst es sich auf, verdrängt es Sauerstoff», sagt Gredig. Der Besatzung des Flugzeuges könnte im wahrsten Sinne des Wortes die Luft ausgehen. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt muss deshalb erst noch entscheiden, ob die Flugzeuge mehr Trockeneis aufnehmen dürfen als bis anhin erlaubt. Nötig wäre es, um den Stoff möglichst rasch in grossen Mengen in der Luft transportieren zu können.

Nicht nur deshalb laufen aktuell komplizierte Zertifizierungsverfahren und -anträge bei den verschiedensten Stellen. «Ein Schadenereignis bei einem Transport wäre das Schlimmste, was uns passieren könnte», sagt Gredig. «Nicht nur unser Ruf wäre ramponiert, sondern jener einer ganzen Branche.»

Gredig geht davon aus, dass in den nächsten Monaten 65’000 Tonnen Covid-19-Impfstoff per Luftfracht befördert werden. 4000 Tonnen, so seine Einschätzung, dürften über den Hub in Zürich-Kloten abgewickelt werden. «Zürich ist eine wichtige Drehscheibe für Pharmasendungen aus der ganzen Welt», sagt er. So könne es gut sein, dass in den USA hergestellte Vakzine über Zürich nach Südafrika transferiert würden.

Die Swiss ist dafür gut vorbereitet. Durchschnittlich zwölf Kühleinheiten haben Platz in einem Langstreckenflugzeug – ein Grossteil von diesen wurde umgerüstet, nachdem der Reiseverkehr durch Covid-19 faktisch zum Erliegen gekommen ist. Cargologic arbeitet weltweit mit 50 Fluggesellschaft zusammen. 70 Prozent des Volumens gehen aber an die Swiss.

Während die Swiss ihre Langstreckenflugzeuge für die Luftfracht umgerüstet hat, haben sich andere grosse Gesellschaften wie Emirates, Singapur Airlines und Lufthansa entschieden, grosse Teile ihrer Flotte zu grounden. Hunderte von Langstreckenflugzeugen harren irgendwo in der Wüste aus. «Der Transport vom Covid-19-Impfstoff hat Priorität. Deshalb werden Flugzeuge für andere Frachtgüter fehlen», befürchtet Gredig. «Wir haben schlicht zu wenige Kapazitäten im Markt.»

Für Gredig ist deshalb klar, dass es zu Engpässen bei Medikamentenlieferungen kommen wird. Dieser dürfte nach Angaben von Andreas Stöckli, CEO bei der Rhenus Alpina-Gruppe mehrere Monate andauern. Mit der Auslieferung des Impfstoffes wird nach seiner Einschätzung erst im Januar begonnen werden. Eine Normalisierung der Situation erwartet er erst in der zweiten Jahreshälfte. «Grössere Pharma-Firmen dürften daher vor echten Herausforderungen stehen, ihre Supply-Chain zu halten», sagt Stöckli.

Die Coronakrise setzt aber auch der Logistikbranche selbst stark zu. Bei Cargologic ist das Frachtvolumen in diesem Jahr um 40 Prozent zurückgegangen. «Wir versuchen, uns mit Kurzarbeit über Wasser zu halten», sagt Stöckli. Trotzdem kam es zu Entlassungen und Frühpensionierungen. «Wenn immer möglich, versuchen wir diese zu vermeiden», sagt er, «da es sich um nicht zu ersetzendes Fachpersonal handelt.»

Stöckli geht davon aus, dass die Cargologic und der Hub in Zürich für den Umschlag und Weitertransport von Impfstoffen prädestiniert sind. «Wir haben kräftig investiert, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschult und enorm viel Prozess-Engineering betrieben. Wir sind bereit!»